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Der Hacke-Spitze-Trick der Geldpolitik

Geübte Rennfahrer können nicht nur ausgezeichnet bremsen und Gas geben, sie kombinieren auch mal gerne beide Pedale. Besonders beliebt ist dabei der Hacke-Spitze-Trick (engl. Heel and Toe Downshift). Fährt man z. B. durch eine Kurve, so schaltet man bei einer geringeren Drehzahl nicht einfach einen Gang herunter, sondern bremst mit der Fußspitze ab und gibt gleichzeitig mit der Hacke Gas. Dadurch wird die Motordrehzahl an den Antriebsstrang angepasst, wodurch der Fahrer weicher einkuppeln und früher und schneller beschleunigen kann. Im Motorsport ist diese Technik äußerst beliebt, aktuell wohl auch in der Geldpolitik.

 

Seit dem Jahr 2010 gibt die EZB Gas: Sie hat die Zinsen kontinuierlich gesenkt und das niedrige Niveau bis heute beibehalten. Zudem begann sie 2015 mit dem Kauf von Anleihen (Quantitative Lockerung), wodurch bis Ende 2017 rund 2 Billionen EUR in die Märkte fließen werden. Bezogen auf die Dauer und das Ausmaß ist diese Geldpolitik beispiellos, doch sie hat ihre Gründe. Man möchte mit den ungewöhnlichen Maßnahmen die Zielinflation von 2% erreichen und damit langfristig neue geldpolitische Spielräume schaffen. Zudem ist die Lage in einigen Euro-Ländern weiterhin angespannt, weshalb es aus wirtschaftspolitischer Sicht durchaus Argumente gibt, die Politik des billigen Geldes fortzusetzen. Für prosperierende Länder wie Deutschland verfehlt die aktuelle Geldpolitik jedenfalls nicht ihre Wirkung. Der deutsche Motor läuft auf Hochtouren, was die Konjunkturdaten eindrucksvoll belegen: Die Güterproduktion (Bruttoinlandsprodukt) wächst seit 2010 kontinuierlich an. Im gleichen Zeitraum sank die Arbeitslosenquote und befindet sich mit unter 6% auf dem niedrigsten Stand seit 25 Jahren.

 

Abbildung 1: Der Hacke-Spitze-Trick der Geldpolitik

Quelle: Eigene Darstellung

 

Trotz dieser Entwicklung und der geldpolitischen Impulse erhöht sich die Inflationsrate nur sehr langsam. Warum ist dem so? Allgemein sind die Konsumgüterpreise in den vergangenen Jahren zwar kaum angestiegen, die Vermögensgüterpreise (Immobilien, Aktien) jedoch schon. Als Ursache werden hier unterschiedliche Gründe genannt: Erstens gibt es ein demografisch bedingtes Überangebot an Ersparnissen (Sparschwemme), welches nicht für den Konsum sondern für Investitionen verwendet wird. Da die Anzahl der Rentner im Verhältnis zur Anzahl der Erwerbstätigen ansteigen wird, muss mehr gespart werden. Dies erhöht die Nachfrage und damit den Preis von Immobilien. Zweitens ermöglicht die zunehmende internationale Arbeitsteilung Billig-Importe und drückt überwiegend die hiesigen Konsumgüterpreise, nicht jedoch die Vermögensgüterpreise. Drittens mangelt es an lukrativen Investitionsalternativen, was u. a. die Attraktivität von Immobilien erhöht. Es gibt also durchaus eine hohe Inflationsrate, welche allerdings überwiegend bei den Vermögensgütern und nicht bei den Konsumgütern beobachtet werden kann. Hier lohnt sich ein genauerer Blick in die Statistik.

 

Die Inflationsrate wird anhand eines durchschnittlichen Warenkorbes ermittelt. Dieser enthält Konsumgüter des täglichen Lebens, wie Nahrungsmittel, Bekleidung oder Möbel. Ferner umfasst er auch Wohnungsmieten einschließlich der Mietwerte für Eigentumswohnungen, welche aktuell einen Anteil von 21% an dem Warenkorb einnehmen. Gerade letztere sind aufgrund der Niedrigzinsen vor allem in den Ballungsgebieten rasant angestiegen. Da die dortigen Einkommen nicht mit dieser Entwicklung Schritt halten, müssen Haushalte in Ballungsregionen einen immer höheren Anteil ihres Einkommens für das Wohnen ausgeben. Die Immobilienpreisinflation wirkt sich auf diese viel stärker aus, als auf Haushalte in ländlichen Regionen. Das Phänomen geht jedoch in der Durchschnittsbetrachtung unter und muss seitens der Europäischen Zentralbank definitionsgemäß nicht beachtet werden.

 

Dennoch drückt die Geldpolitik durch regulatorische Maßnahmen zunehmend auf die Bremse. Einige Ökonomen sehen nämlich schon seit längerem die Gefahren einer Immobilienpreisblase am deutschen Horizont. Demnach könnte dem anhaltenden Preisanstieg eine scharfe Preiskorrektur folgen. Sollte gleichzeitig eine Rezession eintreten, die Arbeitslosigkeit stark ansteigen und ein Großteil der Kredite nicht mehr bedient werden können, müsste der Staat erneut mit Steuergeldern den Finanzinstituten unter die Arme greifen, wenn man Bankenpleiten und einen anschließenden Finanzmarktkollaps vermeiden möchte. Vor diesem Hintergrund gibt die Geldpolitik durch Niedrigzins und Quantitative Lockerung zwar weiterhin Gas, bremst aber gleichzeitig die negativen Auswirkungen ihrer Politik aus. Dies geschieht u. a. durch höhere Eigenkapitalanforderungen, was in der Summe die Robustheit des Finanzmarktes fördern soll. Höhere und antizyklische Kapitalpuffer, eine maximale Kreditvolumen-Immobilienwert-Relation, höhere Amortisationsanforderungen (schnellere Rückzahlungen von Immobilienkrediten) oder Verschuldungsobergrenzen sind nur einige Regularien, denen Banken und dadurch natürlich auch (in-)direkt Kunden ausgesetzt sind. Die Wohnimmobilienkreditrichtlinie ist ein weiterer Baustein von vielen.

 

Zweifellos wird sich die hohe Liquidität weiterhin einen Weg bahnen und für entsprechende Preisreaktionen auf den Märkten sorgen. Erhöht sich jedoch nicht die von der EZB betrachtete Inflationsrate, wird es womöglich keine geldpolitische Kehrtwende geben. Der Hacke-Spitze-Trick mag die Ökonomie bei hoher Geschwindigkeit vorerst auf die Spur halten, doch auf Dauer verliert in engen Kurven selbst der beste Rennfahrer die Kontrolle über sein Fahrzeug.

 

Zum Weiterlesen

 

Meyer, Dirk (2017): Die Umsetzung der EU-Richtlinie über Wohnimmobilienkredite – Zur Notwendigkeit einer Gesetzesänderung, Wirtschaftsdienst, 97. Jg, Heft 1, S. 32-39

 

Landmann, Oliver / Boysen-Hogrefe, Jens / Jannsen, Nils / Fichtner, Ferdinand / Schrooten, Mechthild / Hüther, Michael (2014): Niedrige Zinsen – gesamtwirtschaftliche Ursachen und Folgen, Wirtschaftsdienst, 94. Jg, Heft 9, S. 611-630

 

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