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Autonomes Fahren – Folgen für die Immobilienmärkte?

Täglich pendeln über 9 Mio. Erwerbstätige rund 30 bis 60 Minuten zu ihrem Arbeitsplatz. Rund 2 Mio. Erwerbstätige benötigen dafür sogar mehr als 60 Minuten und zählen damit zu den Fernpendlern. Unter der Annahme, dass Erstere im Durchschnitt 45 Minuten für eine Strecke benötigen und Letztere 60 Minuten, verbringen die Pendler also 17,5 Mio. Stunden täglich auf Deutschlands Verkehrswegen. Viele von ihnen würden diese Zeit lieber für ihre Arbeit nutzen. Geht man von einem Bruttoeinkommen von 29 EUR je Arbeitsstunde aus, so beläuft sich der entgangene Lohn auf rund 507,5 Mio. EUR am Tag. Das macht bei 220 Arbeitstagen im Jahr rund 111,7 Mrd. EUR. Hierbei wurden die Wartungskosten der Infrastruktur, die (Umwelt-)Kosten der Transportmittel (Bahn, PKW, Flugzeug) oder die mit den psychologischen Belastungen verbundenen Produktivitätseinbuße noch nicht einmal berücksichtigt.

 

Zugegeben, die Berechnungen sind stark vereinfacht. Sie geben jedoch ein Indiz dafür, mit welchen Kosten eine Volkswirtschaft konfrontiert ist, sofern man die Pendelzeit als entgangene Arbeitszeit betrachtet. Leider kann nicht jeder dort wohnen, wo er arbeitet. Denn so ließen sich diese Kosten am einfachsten auf ein Minimum reduzieren. Die Immobilienmärkte sorgen mit Hilfe der Preise dafür, dass die Ressourcen und Produktionsmittel unter Berücksichtigung der Transportkosten optimal im Raum verteilt werden. Deshalb pflanzt niemand Mais auf den Rathausplätzen der Großstädte an oder baut Hochhäuser in ländlichen Regionen. Mit Anstieg bzw. Absinken der Bevölkerungsdichte verändern sich die Bodenpreise, wovon die Rentabilität der Bodennutzung abhängt. Bei einer hohen Bevölkerungsdichte hat dies zur Folge, dass eine 5-köpfige Familie im Stadtzentrum keine große Wohnung zu günstigen Quadratmeterpreisen finden kann. Als einzige Option bleibt der Umzug in einen Vorort, was allerdings mit entsprechenden Pendelkosten verbunden ist.

 

Folglich weisen Ballungsregionen in der Regel einen positiven Pendlersaldo auf. Wohnen und Arbeiten werden dabei nicht nur klein-, sondern in bestimmten Regionen auch großräumig getrennt. So wird aus Abbildung 1 ersichtlich, dass der Anteil der Fernpendler mit mehr als 50 km Pendeldistanz z. B. in den östlichen ländlichen Gebieten hoch, in Baden-Württemberg dagegen gering ausfällt. Generell müssen Hochqualifizierte längere Arbeitswege in Kauf nehmen, da entsprechende Arbeitsplätze nur an bestimmten Standorten vorzufinden sind. Baden-Württemberg weist eine außergewöhnlich hohe Anzahl an wissensintensiven Arbeitsplätzen auf, welche über das Bundesland verteilt sind. Deshalb verwundert es nicht, dass hier der Fernpendleranteil geringer ausfällt. Dieser steigt, je weniger wissensintensive Industrien in einer Regionen vorzufinden sind (siehe Abbildung 2).

 

Abbildung 1: Fernpendlerströme und Beschäftigungsstruktur

Quelle: Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung, GfK GeoMarketing

 

Rund 66 Prozent aller Pendler nutzen einen PKW. Vor allem auf dem Land wird dieses Transportmittel häufig genutzt, da öffentliche Verkehrsmittel hier kaum Größenvorteile haben können (geringe Frequentierung, große Entfernungen) und entsprechend wenig angeboten werden. Um die hohen Pendelkosten der deutschen Volkswirtschaft zu verringern, werden neben dem Ausbau von Glasfasernetzen und der damit geschaffenen Möglichkeit von Heimarbeitsplätzen derzeit große Hoffnungen in die Weiterentwicklung des autonomen Fahrens gesetzt. Dadurch soll das „nutzlose“ Führen eines PKWs der Geschichte angehören. In der Vision der Autobauer erhält jeder Autofahrer damit einen „persönlichen Chauffeur“, was bislang nur exponierten Personen vorenthalten war.

 

Abbildung 2: Anteil Beschäftigter in der wissensintensiven Industrie

Quelle: Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung

 

Tatsächlich könnten durch das autonome Fahren enorme Ressourcen eingespart bzw. freigesetzt werden. Die Fahrzeit könnte in Arbeitszeit umgemünzt werden, weil ein gut ausgebautes Kommunikationsnetz das Beantworten von E-Mails, Telefonkonferenzen oder die anspruchsvolle Analyse von Datensätzen möglich macht. Die Patentstatistiken belegen. dass die Industrie beim autonomen Fahren bereits viele Fortschritte gemacht hat. Laut Bardt (2016) sind die deutschen Unternehmen hier besonders innovativ. 60% der weltweit angemeldeten Patente zum autonomen Fahren entfallen auf deutsche Hersteller.

 

Doch das autonome Fahren könnte nicht nur den Arbeitsmarkt revolutionieren. Auch die regionalen Immobilienmärkte wären mit Umwälzungen konfrontiert. Ballungsgebiete, welche u. a. aufgrund der dort geringen Transportkosten (Zeit und Treibstoff) entstanden sind, könnten an Attraktivität verlieren. Denn wenn aus „Fahren“ „Arbeiten“ wird, könnte es vollkommen egal sein, ob man nun 30, 60 oder 120 Minuten unterwegs ist. Freilich sind noch große Anstrengungen vonnöten, bevor das Autonome Fahren als sicher gilt. Werden aber die Visionen der Autobauer Realität, so werden die Veränderungen für die Gesellschaft gravierend sein. Der berühmte Ökonom August Lösch sagte einmal „Die Zeit der Existenz ist bestimmt, aber die Wahl unseres Wohnortes ist weitestgehend frei“. Dieser Grad an Freiheit wird heute durch steigende Wohnimmobilienpreise eingeschränkt. Langfristig kann der technologische Fortschritt hier aber gänzlich neue Freiheiten schaffen.

 

Zum Weiterlesen

Bardt, Hubertus (2016): Deutsche Autoindustrie und autonomes Fahren, 96. Jg, Heft 10, S.776-778

 

Statistisches Bundesamt (2012): Erwerbstätige Berufspendler nach Art des Verkehrsmittels, Ergebnisse des Mikrozensus

 

Statistisches Bundesamt (2014): Berufspendler: Infrastruktur wichtiger als Benzinpreis

 

Statistisches Bundesamt (2017): Erwerbstätigkeit und Einwohner

 

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